James Turrells sanfte Lichtspiele im Guggenheim

Eine Installationsansicht von „Aten Reign“ im Guggenheim Museum 21. Juni - 25. September 25 2013.
(© James Turrell/ Photo: David Heald © Solomon R. Guggenheim Foundation, New York)

„Danke, dass Sie an so einem schönen Tag hier hergekommen sind, es herrscht herrliches Wetter und wir sollten eigentlich alle draußen sein“, scherzte James Turrell  bei der Pressekonferenz zu seiner Ausstellung im New Yorker Guggenheim Museum. Was nach launiger Randbemerkung klingt, ist in Wirklichkeit sehr vielsagend. Denn wenn es nach Turrell ginge, würden einfach alle raus gehen und das Licht erleben – das Primärmedium und Gegenstand seiner Kunst, seit er 1966 erstmals Öffnungen in ein verlassenes Hotel schnitt.

Die Guggenheim-Ausstellung findet zeitgleich mit Ausstellungen im Los Angeles County Museum of Art und im Museum of Fine Arts in Houston statt, ein Dreigestirn für den Pionier der Lichtkunst und Raumsondierung aus Kalifornien. „Ich möchte gar nicht den ganzen Museumsraum belegen“, kommentiert Turrell seine plötzliche Omnipräsenz, „wegen der Art, wie ich Licht betrachte, brauchen meine Arbeiten einfach Raum.“

 

Platz hat Turrell bei seiner Guggenheim-Ausstellung jedenfalls genug. Die übersichtliche Schau – organisiert von Carmen Giménez, Kuratorin für Kunst des 20. Jahrhunderts, und dem Kurator Nat Trotman – umfasst eine Reihe von Radierungen, vier frühe Lichtarbeiten aus den 1960ern und die fantastische, ortsspezifische Extravaganz „Aten Reign“. Zwischen Massenspektakel und ruhiger Meditation oszillierend, blockiert „Aten Reign“ die spiralförmigen Rampen des Guggenheim mit einem versteckten Gerüst aus halbdurchsichtigem Stoff und computergesteuerten Beleuchtungskörpern, das Atrium wird dabei in wechselnde Farben getaucht. Im Laufe einer Stunde vollendet die Rotunde einen Farbzyklus. Perlweiß wird zu sanftem Lavendel, das sich zu Lila verdunkelt. Die berühmten konzentrischen Kurven des Museums werden zur Decke hin, wo das Tageslicht durch das Rundfenster scheint, diffus.

Bei der Pressekonferenz dankte Richard Armstrong dem Künstler für die „Transformation der Rotunde in einen leuchtenden und eindringlichen Himmelsraum.“ Tatsächlich ist „Aten Reign“ weder eindringlich noch ein Himmelsraum (Turrells berühmte architektonische Eingriffe, bei denen der Himmel mit der Architektur des Gebäudes verschmilzt, sind vielmehr  in „1986: Meeting“ bei PS1 im MoMA zu sehen). Die Betrachter können auch nicht in das schwingende, polychrome Firmament aufsteigen, sie können es nur von unten ansehen. Die hängenden Stoffbahnen umhüllen die offenen, gewundenen Arkaden des Guggenheim und machen den Weg zu den oberen Galerien damit zu einer eher freudlosen Angelegenheit.

Ein sanfter, beruhigender Genuss ist es hingegen, sich in der Rotunde hinzulegen und die Farbwellen anzusehen (so sollte man „Aten Reign“ am besten erleben: auf dem Rücken liegend, mindesten 20 Minuten lang), Besucher, die haluzinogene, überwältigende Erfahrungen erwarten, könnten jedoch enttäuscht sein. Turrells schöner, fast spektakulärer Bezug zu Frank Loyd Wrights ikonischer Architektur hat nichts von der radikalen räumlichen Desorientierung von Doug Whallers „Infinity Environment“, auch kommt er nicht an die narkotisierende Sinnlichkeit von „Pour Your Body Out“ von Pipilotti Rist heran. Turrells LED-Lichtinstallation „Ronan“ von 1968 (in der oberen Galerie des Guggenheim zu sehen) ist phänomenologisch kraftvoller und verwirrender, obwohl sie low-fi und eher klein ist. Von Nahem betrachtet lässt ein Schaft strahlend weißen Lichts eine flache Nische in der Wand wie eine schwindelerregende Unendlichkeit aussehen.

Mit 70 wirkt der weißbärtige Turrell wie eine Mischung aus einem Cowboy und Obi wan Kenobi. Der frühere Quaker, der bekanntermaßen die letzten 30 Jahre damit zubrachte, einen erloschenen Vulkan in ein Observatoium für das bloße Auge zu verwandeln, spricht von der „Dinglichkeit des Lichts“ und dem „Licht als eine Offenbarung selbst“. Diskussionen über Turrells Arbeiten driften oft in die kritisch nicht greifbaren Launen der religiösen Metaphern und Jedi-Magie ab. Der Mann scheint sowohl Gott als auch die Wissenschaft auf seiner Seite zu haben. Der Wandtext im Guggenheim beschreibt Turrells entspannten Freudentempel als einen „Tempel des Geistes“ – wie in einer gotischen Kathedrale fühlt man sich sanft in eine erhabene, monotheistische Erfahrung gedrängt. Schiebt man alles Spirituelle beiseite, ist Turrells Phantasmagorie aus Licht und Farbe ein gutes, sauberes, ortsspezifisches Vergnügen. Der Genuss entspricht typischen Zeitvertreiben im Sommer, dem  Besuch eines Aquariums oder in eines Planetariums etwa. Andererseits, warum sollte man Turrell nicht beim Wort nehmen und hinaus in den schönen Tag gehen?

James Turrell“ im Solomon R. Guggenheim Museum, 1071 5th Ave, New York, 21. Juni – 25. September 2013

Weitere Bilder zu James Turrells Ausstellung finden Sie in der Bildstrecke.