Hans-Ulrich Obrist 2.0: Der Kurator will seine berühmten Interviews online veröffentlichen

Hans-Ulrich Obrist 2.0: Der Kurator will seine berühmten Interviews online veröffentlichen
(Courtesy the Institute of the 21st Century)

Recherchen für kunstgeschichtliche Studien werden bald um einiges einfacher. Am kommenden Wochenende startet in Los Angeles ein Projekt, in dessen Verlauf die Interviews von Hans-Ulrich Obrist, Kurator und Co-Direktor der Serpentine Gallery, katalogisiert und in einem Onlinearchiv veröffentlicht werden sollen. Am Ende sollen auf der Website mit Suchfunktion 2.500 Stunden aufgenommener Gespräche zwischen Obrist und hunderten von Berühmtheiten aus den Bereichen Kunst, Architektur, Literatur und Wissenschaft abrufbar sein.

 

 

Der Öffentlichkeit präsentiert werden soll das Projekt mit dem imposanten Titel Institute of the 21st Century am 29. Juli, in den nächsten zwei bis drei Jahren soll es abgeschlossen sein. Zum Startschuss kommendes Wochenende plant Obrist öffentliche Interviews mit dem Künstler John Baldessari und dem Computerspezialisten Danny Hillis. Beide Veranstaltungen sind für Besucher kostenlos. Das erste Gespräch soll am 29. Juli im Art Catalogues-Shop im LACMA stattfinden , das zweite am 30. Juli bei der Kunstorganisation ForYourArt. Bei beiden wird es um das Konzept der Zeit gehen. (Interessant verspricht das Thema insbesondere für Hillis zu werden , der unter anderem wegen seiner „Clock of Long Now“, einer monumentalen Uhr, die über 10 Jahrtausende lang funktionsfähig sein soll, Bekanntheit erlangte.) Auch diese beiden Interviews sollen, wie hunderte weitere, die Obrist seit 1985 aufgenommen hat, der Öffentlichkeit kostenlos online zur Verfügung gestellt werden.

 

„Es heißt, dass Hans-Ulrich immer in Eile ist und ständig auf Achse, aber wenn er jemanden interviewt, dann ist er vollständig gegenwärtig“, sagte Bettina Korek, Gründerin von ForYourArt gegenüber ARTINFO. „Er spricht darüber, wie Interviews die Zeit befreien. Das ist seine Leidenschaft.“ Korek leitet die Archiv-Initiative des Institute of the 21st Century gemeinsam mit ihrer Kollegin Karen Marta.

 

In der ersten Projektphase sollen die tausenden von Stunden von Aufnahmen, die zurzeit in Berlin und London lagern, katalogisiert werden. Das Team vom Institute of the 21st Century plant, die Interviews Stoßweise auf die Website zu laden und dann durchsuchbar zu machen. „Das ist wirklich eine ganz neue Art von Archiv“, schwärmt Korek. Den Anfang macht eine Interviewsammlung, die Obrist mit über 40 Architekten in einem sechstägigen Interview-Marathon auf der Architektur-Biennale Venedig 2010 führte.

 

Zu früheren Interviews, die Obrist während seiner Laufbahn führte, zählt eine Reihe ausführlicher Gespräche mit dem enigmatischen Architekten Cedric Price (2010 in Buchform veröffentlicht), Gespräche des Architekten Rem Koolhaas mit den Metabolisten - einer kleinen Gruppe japanischer Architekten, die in den 1950er Jahren aktiv waren, sowie Interviews mit den inzwischen verstorbenen Künstlern Mike Kelley und Jason Rhoades. „Es gibt viele große Denker, die noch nicht auf YouTube zu finden sid“, sagt Korek. „Da sind einige, die nicht mehr mit uns sind, aber im Archiv vorkommen, Hans-Ulrich nennt das eine Kettenreaktion: Wann immer ein Künstler einen Einfluss aus der Vergangenheit nennt, macht er diese Person ausfindig und interviewt sie.“

 

Das Ergebnis des Projekts soll nach dem Wunsch der Veranstalter eine Art intuitives, entschleunigtes Audio-Wikipedia sein, das die Fühl- und Denkweisen der kulturellen Titanen des 20. und 21. Jahrhunderts nachvollziehbar macht. „Es ist ein aufregender Prozess, weil er den Hörern, die zunächst vielleicht aus Interesse etwa an einem Schriftsteller, einem Ingenieur oder Komponisten auf die Seite kommen, weitere Einstiegsmöglichkeiten bietet, und sie so am Ende sozusagen bei einem Künstler ankommen“.

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