Erinnerungen einer alten Dame: Die multibiografische Ausstellung zu 775 Jahre Berlin im Ephraim-Palais

Erinnerungen einer alten Dame: Die multibiografische Ausstellung zu 775 Jahre Berlin im Ephraim-Palais
Nachlasspäckchen von Ferdinand Wilhelm Ermeler: „Nicht früher als nach 100 Jahren zu öffnen, Wilh. Ermeler 1840 Breite Straße No 11“, 1969 bei Abriss entdeckt
(Stadtmuseum Berlin)

Die Berliner Stiftung  Stadtmuseum würdigt das 775. Jubiläum von Berlin mit der Ausstellung „Berlinmacher 775 Porträts – ein Netzwerk“ im Ephraim-Palais: ein illustres biografisches Stadtporträt. Anstatt sich dem Jubiläum chronologisch historisch zu nähern, wählt die Ausstellung den gesellschaftlichen Ansatz und stellt  Persönlichkeiten, die Berlin geprägt haben, in den Vordergrund. „Eine Art ,Schaustück‘“ sollte es werden – der Plan ist aufgegangen, wie der kurzweilige Ausstellungsbesuch zeigt.

Im Fokus der Schau sind nicht nur die üblichen Verdächtigen, die in den Feuilletons regelmäßig verhandelt werden, sondern auch schillernde Figuren der Vergangenheit, die zu Unrecht in Vergessenheit gerieten. Neben gewichtigen Größen wie dem Philosophen Moses Mendelssohn,  dem Mediziner  Rudolf Virchow oder Theaterlegende Max Reinhardt warten faszinierende Persönlichkeiten der Vergangenheit auf ihre (Wieder-) Entdeckung, Stars wie der Schauspieler, Dramatiker und Intendant August Wilhelm Iffland (1759-1814), der mit seinen gemütsvollen Darbietungen Ende des 18. Jahrhunderts die Berliner begeisterte, einschließlich Königin Luise, von der ein handgeschriebenes Brieflein an ihn zu sehen ist und ein aparter Ring, den sie ihm verehrte. Auch vermeintliche Randfiguren wie Mathilde Jakob (1873-1943), die Privatsekretärin von Rosa Luxemburg, die die Politikerin während ihrer Haft  mit Blumen, Essen und geschmuggelten Briefen versorgte  und die 1942 nach Theresienstadt deportiert und dort ermordet wurde, werden vorgestellt. 

 

Die Ausstellung erstreckt sich über drei Etagen, beim Besuch fühlt man sich ein wenig wie auf dem Dachboden einer alten Dame (die Berlin ja ist), auf dem ungeahnte Schätze schlummern. Neben interessanten Kurzporträts der Vorgestellten gibt es jede Menge teils skurrile Erinnerungsstücke zu sehen. Da wären zum Beispiel der Henkersblock  und das Richtbeil des Julius Krautz (1843-1921), der 1878 zum Scharfrichter von Preußen vereidigt wurde und, um seinem Berufsstand etwas mehr Würde zu verleihen, weiße Handschuhe und Zylinder zu seiner offiziellen Berufsbekleidung machte - sein eleganter Geschmack hinderte ihn indes nicht daran, seinen Gehilfen nach einem Gelage in einer Berliner Kneipe zu erschlagen. Schaurig auch die Wachsmoulage eines von der Pest befallenen Fußes, die neben einem Liederbuch von Johann Crüger (1598-1662) ausgestellt ist. Crüger, einer der bedeutendsten Komponisten evangelischer Kirchenmusik, erkrankte an der Pest und wurde deshalb 1630-1640 im Ratsprotokoll vorübergehend für tot erklärt. Berühmt wurde er u.a. für seine Trostlieder. Die meisten Devotionalien sind weitaus weniger makaber: Paul Linkes Taktstock mit seiner kostbaren Einfassung sieht aus wie ein  märchenhafter Zauberstab, Eduard Knoblauchs Architektenreißzeug wie ein filigranes kleines Kunstwerk. Originell auch das Nachlasspäckchen von Ferdinand Wilhelm Ermeler, das 1969 bei Bauarbeiten entdeckt wurde. Der Tabakunternehmer hatte es 1840 vergraben, mit der strikten schriftlichen Anweisung, es frühestens 100 Jahre später zu öffnen. Das Päckchen entpuppte sich als private Zeitkapsel, mit Münzen, Handschuen, einer zierlichen Pfeife und Preislsiten aus dem 19. Jahrhundert.

Weil die Ausstellung sich nicht streng an die Chronologie hält, kommt es bisweilen zu interessanten Effekten: Beim Studium der Ersterwähnungsurkunde von „Cölln an der Spree“, einem Pergament  aus dem Jahr 1238, wird der Betrachter von Harald Juhnke angegrinst, der auf einem Werbeplakat für ein Chinarestaurant wie bestellt und nicht abgeholt vor einer ganzen Ente sitzt. Dazu hört man einen Dialog aus dem „Hauptmann von Köpenick“, der auf einem Bildschirm daneben zu sehen ist. Solche medialen Kollisionen sind allerdings selten, die Aufbereitung insgesamt  ist unaufdringlich und gut gemacht. Wer mag, kann dem Berliner „Milljö“-Zeichner Heinrich Zille in einem Stummfilm beim Arbeiten zusehen oder sich per Kopfhörer die pointierten Rundfunk-Beiträge des berühmten Theaterkritikers Friedrich Luft für RIAS anhören. Ein Juwel ist auch „Das Boxende Känguru“, ein Minifilm der Kinopioniere Max und Emil Skladanowsky aus dem späten 19. Jahrhundert, in dem der Kampf recht schnell entschieden ist – zu ungunsten des menschlichen Herausforderers.

Eine der gelungensten Multimediainstallationen ist bei der Vorstellung Max Liebermanns zu finden. In einer Tonbandaufnahme aus dem Jahr 1935 hört man den 85-jährigen Berliner Maler sich über die fußballvernarrte Jugend Sorgen machen, bevor er erzählt, wie es dazu kam, dass er sein erstes Bild malte. Während man des Künstlers Worten lauscht, steht man Auge in Auge mit seinem imposanten Selbstporträt in Öl.

Um die Beziehungen der vorgestellten Persönlichkeiten zueinander sichtbar zu machen, durchläuft die gesamte Ausstellung ein symbolischer roter Faden, der im Foyer der ersten Etage zu einem überdimensionierten Knäuel zusammenläuft. Als Pendant dazu baumeln im Foyer der dritten Etage 700 zeitgenössische Miniaturporträts von der Decke, Ergebnis einer Umfrage, die die Hochschule für Technik und Wirtschaft ausführte, um herauszufinden, wie die Bewohner der Stadt Berlin heute erleben. Eine hübsche Fleißaufgabe und ein vielsagender Bogen zum Hier und Jetzt.

„Berlinmacher 775 Porträts – ein Netzwerk“ ist noch bis 28.10. im Berliner Ephraim-Palais zu sehen. Beim Kerber-Verlag ist ein Katalog zur Ausstellung erschienen. Mehr Informationen zur Ausstellung und dem Begleitprogramm auf der Website.

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