Die DNA der Mitarbeiter

Die DNA der Mitarbeiter
Szene aus dem Film „Work Hard – Play Hard“ von Carmen Losmann
(Hupe Film 2012)

Die Dokumentarfilme der 1978 geborenen Carmen Losmann portraitieren Arbeitsverhältnisse und ziehen aus ihnen Rückschlüsse über den gegenwärtigen Stand einer Gesellschaft. Ihr erster Langfilm „Work Hard - Play Hard“ ist eine Bestandsaufnahme der postindustriellen Arbeitswelt unserer Wissens- und Dienstleistungsgesellschaft, in der der Mensch zur Ressource und die Trennung zwischen Arbeit und Freizeit aufgehoben wird. Losmann gelingt dabei mit klaren Bildern, gespenstischen Totalen und ruhigen Kamerafahrten eine Analyse der Ästhetik der Macht, die ohne einen gesprochenen Kommentar auskommt.

Architektenteams entwerfen da Bürokomplexe, die einen vermessenen Anspruch haben: Die Mitarbeiter sollen darin vergessen, dass sie arbeiten. Denn wer vergisst, dass er arbeitet, arbeitet am effizientesten. Sie sollen sich zu Hause fühlen, aber nicht zu sehr, damit der „Work Flow“ nicht in Faulenzen umschlägt. Es gibt also keine Stechuhren mehr und seltsamerweise arbeiten die Menschen seit dem Verlust dieser Kontrolle sechzig statt vierzig Stunden pro Woche. Hell sind diese Gebäude, sehr hell, mit warmen Farben und Sitzgruppen und Kaffeeautomaten. Alles Einladungen zu spontaner Kommunikation, die „achtzig Prozent“ der Kreativität eines Unternehmens ausmache, so einer der Designer, die in Hamburg die neue Firmenzentrale für Unilever entwarfen.

 

Ein modernes Unternehmen will den Arbeitnehmer ganz, die Strategien, mit der das Ziel des permanenten Wachstums umgesetzt werden soll, sind dabei subtil. „Corporate Identity“ fungiert als Schlagwort für die Identifikation der Mitarbeiter mit ihrem Unternehmen, aus der die Motivation zur totalen Selbstausbeutung wächst. Die selbstoptimierte, hochmobile und transparente Arbeiterschaft ist ausschließlich mit Laptops bewaffnet und braucht deshalb nicht einmal mehr einen eigenen Schreibtisch mit Familienfotos und Kaffeetasse, sondern nur „Working Stations“, die man stundenweise wie ein Hotelzimmer bucht.

Wir sehen wie Manager sich „Potenzialanalysen“ unterwerfen, an Outdoor-Trainings teilnehmen, und in Assessment-Centern geschliffen werden. Wir hören in einer durch Anglizismen entfremdeten und ideologisierten Sprache, wie es ständig darum geht, irgendwen von irgendwo abzuholen. Uns werden Phrasen um die Ohren geworfen, in denen „Change Agents“ von „ein bisschen Challenge“ reden, von der „Kundenkontakte Frontline“ und der „Storyline“, der „Forming Phase“ und „Performance“ der Mitarbeiter - und davon, wie man die Vorgaben des Unternehmens „nachhaltig in die DNA jedes Mitarbeiters einpflanzen“ könne.

Selten kann man im Dunkel des Saals so sehr die anderen Kinobesucher spüren. Vielleicht liegt das daran, dass man selber sehr bald anfängt an den Fingernägeln zu kauen, auf dem Sitz herumzurutschen und unwillkürlich immer wieder den Kopf schüttelt. Dieser Film geht uns alle an – gerade wenn wir vielleicht zum kreativen und freiberuflichen Part der „digitalen Bohéme“ gehören. Denn wir trennen Freizeit und Arbeit noch weniger, weil es uns ja um Selbstverwirklichung geht: um unsere eigene „Corporate Identity“. „Work Hard - Play Hard“ ist so beklemmend, so abgründig und die Personen darin so perfide, dass man einfach nur wegrennen will vor dieser lichtdurchfluteten, schönen, nirgendwo endenden Arbeitswelt. Der ganze Kreuzberger Kinosaal ist in Bewegung, es wird gerufen, gelacht, geklatscht und geschimpft. Am Ende des Films sind alle angespannt sehr tief in ihre Sitze gerutscht.

Work Hard – Play Hard, Deutschland, 2012, 90 Minuten – Regie, Buch: Carmen Losmann. Kamera: Dirk Lütter. Schnitt: Henk Drees.

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