Alle lieben Richter: Die Retrospektive „Panorama“ in der Neuen Nationalgalerie

Alle lieben Richter: Die Retrospektive „Panorama“ in der Neuen Nationalgalerie
Gerhard Richter, "Betty" (1977), 102x72cm, Öl auf Leinwand
(© Gerhard Richter, 2012; mit freundlicher Genehmigung der Freunde der Nationalgalerie)

Nachdem ich mich etwa eine Stunde tief in Gerhard Richters monumentale Retrospektive „Panorama“ in der  Neuen Nationalgalerie in Berlin versenkt hatte – soweit dies bei dem Ansturm an Besuchern möglich war, denn ein Sonntagsbesuch ließ sich nicht vermeiden – beschloss ich,  zur Abwechslung einmal diesen Ansturm selbst näher ins Auge zu fassen. Die Reaktionen des Publikums, einmalig bei einer Ausstellung dieser Größenordnung, sind etwas aufschlussreiches, und dabei längst nicht so ausdekliniert, wie die Werke dieses großen zeitgenössischen Meisters. Heerscharen waren gekommen, viele mussten draußen warten, um die Kapazität von 1000 nicht zu sprengen. 

Teenager  und Besucher in ihren Zwanzigern scharten sich um die Pixel von „4096 Farben“ aus dem Jahr 1974, das seinerzeit ein Kommentar zu Farbkreisen war und das wir heute  als so eindeutig seiner Zeit voraus ansehen, in seiner absurden Größe und Technikkritik - es sollte den Machern von Spot Paintings und Photoshop-Gradienten gleichermaßen kalte Schauer über den Rücken jagen. Die Kunststudenten starrten sehnsüchtig auf „Seestück (See-See)“ von 1970, auf dem eine aufgewühlte See und ein ebenso aufgewühlter Himmel in Grautönen zu sehen sind, und das dabei von einer an Rothko erinnernden, undurchdringlichen Tiefe und pulsierenden Energie ist, man fühlt sich geradezu aufgefordert, den Mitbetrachtern die Ellenbogen zu geben, um einen längeren Blick erhaschen zu dürfen.

Die etwas reiferen, rundlicheren und faltigeren Besucher nickten mit verschränkten Armen und offenen Kinnladen Richters vielen abstrakten Bildern langsam zu: der frühen Serie monochromer Bilder in Grau, die er 1969 begann (eines daraus, es gleicht einer kraterübersäten, außerirdischen Landschaft, zählte zu den ersten Richter-Akquisitionen der Nationalgalerie), bis zu späteren, mit Schwämmen gefertigten Werken. Richters figurative Arbeiten, etwa  die beiden Bilder von Betty (1977/1988) – von denen das letztere weitaus bekannter ist – haben etwas Verbindendes, das Kinder wie Ältere dazu bringt, in ihrer verblüffenden Wärme herumzutollen, wie in der besten Szene der besten Folge von Twin Peaks.

 

Es lässt sich festhalten, dass in Gerhard Richters Werk nicht nur für jeden etwas dabei ist, sondern auch, und das ist wichtiger, dass er jeder Generation Impulse gibt. Sein Werk vereint Zeitlichkeit und Zeitlosigkeit. Während so viele zeitgenössische Künstler ihren Platz in den oberen Riegen der Kunstwelt mit nur einigen wenigen Ideen – oder sogar nur einer einzigen – erobern, hat Richter seine breite Anerkennung durch seine  Entschlossenheit gewonnen, jederzeit zu tun, was er möchte, wenn ihm danach ist. Diese  Entschlossenheit, mit der er die Limitierungen von Moden und Disziplinen - Postmoderne, Zeitgenössische Kunst, Skulptur, Figuration, Abstraktion und dergleichen - beiseite geschoben hat,  ist auch der Grund, warum er in jedem einzelnen Kapitel jenes großen Buches stehen wird, das noch geschrieben werden muss.

 

Deutlich wird das auch in dem kuratorischen Ansatz, der in Berlin verfolgt wurde. Während der Fokus in der Tate Modern-Ausstellung mit 130 Bildern und fünf Skulpturen einzelne Momente in Richters Oevre isolierte, versucht die Retrospektive in der Neuen Nationalgalerie, der ganzen Bandbreite seines Werks gerecht zu werden, sie darzustellen und in Beziehung zu setzen. Architektur spielt eine große Rolle in dieser Ausstellung. Das weitläufige, offene Erdgeschoss, entworfen von Ludwig Mies van der Rohe, sorgt für genug Luft, um Richters Bilder aufzunehmen; ob monumental oder winzig, sie sind immer atemberaubend. Zugleich erlaubt der überwiegend offene Bauplan dem Besucher einen bemerkenswerten Ausblick auf das gesamte Werk. Die Ausstellung ist zwar nahezu chronologisch organisiert, der Besucher findet aber mit jeder Drehung des Kopfes eine neue Perspektive.

 

Verdächtigerweise fehlt Richters 15-teilige Serie „18. Oktober 1977“ von 1988 in „Panorama“. Udo Kittelman hat die Bilder, die auf Fotografien jener Schicksalsnacht beruhen, in der die Mitglieder der Baader-Meinhof-Gruppe im Gefängnis kollektiv Selbstmord begingen, stattdessen in der Alten Nationalgalerie untergebracht. Und obwohl ihr  gespenstischer Charakter durch die Nachbarschaft mit Gemälden aus der Romantik  noch verstärkt wird, erscheint dies doch als eine Art von Zensur, eine Art Auslagerung der „hässlicheren“ Seite  von Gerhrad Richters Vision.

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