Atemberaubende abstrakte Werke von Carmen Herrara in der Galerie Lisson

"Amarelo e preto", 2010, Carmen Herrera
(Cortesia da artista e Lisson Gallery)

Carmen Herraras selten gezeigte Zusammenstellungen lebhafter Farbtafeln wirken zeitlos wie alle erfolgreichen Experimente der Abstraktion: zum einen erinnern sie stark an Kazimir Malechivs Arbeiten des Suprematismus, sie sind aber zum anderen eindeutig in der Gegenwart verankert. Nun fallen ja leider des öfteren wichtige Künstler – und vor allem: Künstlerinnen – in die Gletscherspalten der offiziellen Kunstgeschichte. Manchmal jedoch – wenn auch selten – tauchen ihre Arbeiten rechtzeitig wieder auf, um ihnen Gelegenheit zu geben, selber Zeugen einer späten Neubewertung zu werden. Herrera, die 1915 in Havanna geboren wurde und die letzten 60 Jahre in New York gelebt hat, ist eine dieser wenigen Glücklichen. Sie war bereits 89 Jahre alt, als sie ihr erstes Gemälde verkauft hat; heute gilt sie als wichtige Wegbereiterin der geometrischen Abstraktion. Ungeachtet solcher Wer-hat-damit-angefangen-Fragen lässt sich auf jeden Fall feststellen, dass Herreras Schöpfungen wie eine Art Schmelztiegel viele Tendenzen vereint, welche die Abstrakte Malerei des 20. Jahrhunderts geprägt und definiert haben. Erinnerungen an De Stilj, den Orphischen Kubismus von Robert und Sonia Delaunay sowie dem Neokonkretismus eines Ruben Ludolf finden ihren Nachhall in diesen Leinwänden. Aber die Energie und stille Zuversicht, die sich in diesen jetzt in Lisson Gallery gezeigten Werken findet, sind einzigartige Merkmale Herreras – Eigenschaften, die sie bis heute pflegt und ausbaut.

 

 

Nun neigen abstrakte Gemälde dazu, im Betrachter eine Art Rorschachtest-Instinkt auszulösen, der den Betrachter nach wiedererkennbaren Formen in der Komposition suchen lässt. Die beiden vertikalen karminroten Dreiecke in „Two Worlds“ (2011) kann dafür als Vorlage dienen, es ist einladend und abstoßend zugleich. Das blau und orange „Ambos Mundos“ (2011) ist wie ein Duell widerstreitender Energieen, ein Yin und Yang von Dunkelheit und Licht, die miteinander unvereinbar sind und doch nicht ohne einander auskommen. Das „Bianco y Verde“ von 1962 schließlich suggeriert mit seinen beiden horizontalen smaragdgrünen Dreiecken eine abgedroschene, geradezu parodierende Perspektive: zwei sanfte Hügel über dem Horizont, oder zwei Nordlichter, die die Weiße eines Eisbergs durchdringen.

 

Schemen von Gebäuden erscheinen hier und dort, möglicherweise Erinnerungen an Herreras Architekturstudien in den 30er Jahren. Das scharf gezogene rote Dreieck auf weißem Hintergrund („Untitled Red and White“, 2011) flößt Ehrfurcht ein wie ein Obelisk. Aber tatsächlich entsteht die Erzählebene in Herrera's Arbeiten aus den Verhältnissen zwischen den unterschiedlichen Zonen der Bildfläche – in der Ausführung, der ungemischen Intensität der Pigmente, und Abklebeunfällen. Herreras Arbeiten kombinieren die schmucklose Wirksamkeit eines Zeichens mit spürbarer Emotion, eine Spur der euphorischen Begegnung der Künstlerin mit dem Material, und dies obwohl die Oberfläche so gleichmäßig ist, als sei sie mit der Walze bearbeitet.

 

In den oberen Räumen der Galerie demonstriert eine Auswahl von Herreras früheren Arbeiten, dass die Künstlerin nicht immer schon Fachfrau für die perfekte Fläche gewesen ist. In diesen Kompositionen für drei Farben beleben sichtbare Pinselstriche die fragmentierten Formen. Herrera hat sich in der Folge mehr und mehr davon zurück gehalten, sich selbst auf diese Weise Raum zu geben, und stattdessen ihre visuellen Aussagen mehr und mehr auf ein paar entscheidende Farben und Linien beschränkt. Der Schlüssel zu ihrer atemberaubenden visuellen Sprache liegt in dieser Reduktion.

 

 

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